Buchbeitrag 2012: Auf dem Weg zu einer neurowissenschaftlichen Gouvernementalität? Zu den Konturen einer neuen Emotionen-Politik

Schaper-Rinkel, P.(2012): Auf dem Weg zu einer neurowissenschaftlichen Gouvernementalität? Zu den Konturen einer neuen Emotionen-Politik, in: Politische Theorie und Emotion. F. Heidenreich and G. S. Schaal (Hg.). Baden-Baden, Nomos, 255-269, Buchbeitrag downloaden

Petra Schaper-Rinkel

Einleitung: Neurowissenschaftliche Interventionen im Kontext veränderter Staatlichkeit

Mit der von den Neurowissenschaften anvisierten Entschlüsselung der Struktur und Funktionsweise des Gehirns soll es perspektivisch möglich sein, menschliches Handeln nicht nur neurowissenschaftlich zu erklären, sondern auch umfassend neurotechnologisch und pharmakologisch zu beeinflussen. Wenn alles Handeln Gehirn ist und das Gehirn chemisch, biologisch und elektronisch entschlüsselt ist, dann ließen sich gesellschaftliche Probleme durch entsprechende Gehirn-Interventionen bearbeiten. So lauten die langfristigen Szenarien, die in der internationalen Diskussion zu Neuroethik umfassend diskutiert werden, obwohl eine empirische Evidenz für solche Versprechen nicht gegeben ist. Implizit werden in diesen Kontroversen politische Theorien sowie der Status von Emotionen in der Politik verhandelt.

Gefühl und Rationalität werden neurowissenschaftlich mittlerweile als untrennbar verknüpft angesehen. Wenn bestimmte Emotionen fehlen, so zeigt der Neurologe Antonio Damasio, dann ist rationales Verhalten nicht mehr möglich (Damasio 1994). Bei dem rationalen Verhalten, dessen Fehlen konstatiert wird, handelt es sich um ein dem politischen Handeln (im emphatischen Sinne) zugrundliegendes Handeln: Um das Handeln, dass die Fähigkeit der Verallgemeinerung in sich trägt, indem es sein Gegenüber wahrnimmt, ihm vielleicht sogar zugeneigt ist, mit ihm interagiert und die potentiellen Konsequenzen seines Handelns zu antizipieren in der Lage ist.

Die Neurowissenschaften sind nicht nur theoretisch dabei, Zusammenhänge von Emotionen, Verhalten und Funktionsweise des Gehirns zu erklären. Sie haben auch eine Vielzahl von Anwendungen hervorgebracht, die praktisch in der Lage sind, Rationalitäten und Emotionen pharmakologisch und technisch zu beeinflussen. Im Folgenden soll die Frage der Anwendungen der Neurowissenschaften und wie sie aus den Neurowissenschaften selbst thematisiert werden, als eine Frage einer veränderten Regierungskunst – Formen der Fremd- und Selbstführung, die sich mit Foucault als eine spezifische Gouvernementalität fassen lassen – thematisiert werden.[1]

Damit steht nicht die Frage im Vordergrund: Was ist der Mensch und was macht seine Willensfreiheit aus, sondern: Wie werden Subjekte und ihre Handlungsfähigkeit im Zusammenspiel von neurowissenschaftlichen Interventionen und veränderter Staatlichkeit konstituiert?

Neuropharmaka können und werden (trotz umstrittener Wirkung) zunehmend zur Optimierung von Wohlbefinden (z.B. Antidepressiva als Glückspillen), zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit und zur Anpassung des eigenen Sozialverhaltens oder des Sozialverhaltens von Kindern (z.B. Ritalin bei Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS) eingesetzt. Wie Emotionen in neuer Weise verhandelt werden, weil sie Gegenstand von direkter Intervention werden; wie darin das Verhältnis von Individuum und Staat sowie von Freiheit und (Verteilungs-)Gerechtigkeit thematisiert wird, und wie sich ein widersprüchliches Ensemble von Selbsttechnologien und Regierung herausbildet, soll in dem Beitrag als neurowissenschaftliche Gouvernementalität analysiert werden, in der sich erste Konturen eine zukünftigen Politik der Emotionen zeigen lassen.

Foucault methodisch folgend wird von veränderten Praxen ausgegangen,[2] die zu Beginn als eine Phänomenologie der neurowissenschaftlichen Gouvernementalität dargestellt werden und im Anschluss als Antwort und Movens einer veränderten Staatlichkeit kontextualisiert werden.


[1] Regieren im Sinne Foucaults ist ein reflexiver Modus, der ein breites Spektrum von der Fremdführung bis hin zur Selbstführung, d.h. einer ‚Regierung des Selbst’ umfasst. Dazu gehören Denkformen, die eine spezifische Realität beschreiben, hervorbringen und strukturieren, die es erst erlaubt bzw. plausibilisiert, bestimmte Machttechnologien zur Anwendung zu bringen. Damit ist spezifischen Machtpraktiken stets eine bestimmte Rationalität eingeschrieben, ein politisches Wissen, das die spezifischen Machtpraktiken konstituiert und das zum strategischen Einsatz des Regierens wird (vgl. Foucault 2004: 162 f).

[2] Individuen konstituieren sich durch ihre Praxen, wobei die Freiheitsgrade und die Determinierungen widersprüchlich und umstritten sind. Diese Widersprüchlichkeit findet sich sowohl in der Theorie Foucaults als auch in der Bewertung der heutigen Biopolitik (van den Daele 2009: 64 ff).