Buchbeitrag: Glücklich, leistungsfähig und kommunikativ in jeder Lebensphase? Die Frage neuropharmakologisch optimierter Lebensqualität

Petra Schaper-Rinkel 2013, Glücklich, leistungsfähig und kommunikativ in jeder Lebensphase? Die Frage neuropharmakologisch optimierter Lebensqualität, in: Reinhold Popp, Ulrike Garstenauer, Ulrich Reinhardt, Doris Rosenlechner-Urbanek (Hg.), Zukunft. Lebensqualität. Download, LIT Verlag Berlin-Münster

Lässt sich das gute Leben mit Pillen erreichen?

Lebensqualität hängt auf der individuellen Ebene davon ab, wie wir uns fühlen, welche kognitiven und emotionalen Ressourcen wir haben und wie wir uns mit anderen austauschen können. Diese Faktoren von Wohlbefinden und Lebensqualität sollen zunehmend auch neuropharmakologisch beeinflussbar werden. Mühelos lernen, alles Wichtige erinnern können, traumatische Erlebnisse vergessen, glücklich und kommunikativ sein – neue Generationen von Medikamenten versprechen es: Die kognitive Leistungsfähigkeit lasse sich verbessern und erhalten, Unglück und Schüchternheit könnten mit avancierten Antidepressiva behandelt werden, Misstrauen wird mit Bindungshormonen beeinflussbar und sowohl Sozialverhalten als auch das Vergessen traumatischer Erlebnisse könnten neurotechnologisch (zumeist pharmakologisch) gesteuert werden. Selbst der „Wohlstand der Nationen“ würde zukünftig vom „mentalen Wohlstand der Nationen“ abhängen, hieß es in der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature (Beddington et al. 2008).

Das Hirn-Doping, wie das neurotechnologische Enhancement alltagsprachlich genannt wird, scheint sowohl Generationen als auch Lebenslagen zu verbinden: Präparate, die zur Therapie von älteren Demenzkranken entwickelt werden, werden jetzt mit dem Versprechen verknüpft, dass sie durch Anregung des Hirnstoffwechsels die kognitiven Fähigkeiten von jüngeren Menschen im Berufsleben steigern können. Therapeutika, mit denen Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern behandelt wurden, werden zunehmend für Konzentrationsschwierigkeiten von Erwachsenen zugelassen. Antidepressiva sind nebenwirkungsärmer geworden und werden neben der Behandlung schwerer Depressionen auch zur Bewältigung schwieriger Lebenslagen eingesetzt. Die Wirksamkeit der meisten Medikamente ist nach neuen Studien insbesondere dann schwach, wenn die Symptome gering ausgeprägt sind (TAB 2011; Kirsch 2010; vgl. Ferrari et al. 2012). Und doch bleibt das Thema des Gehirn-Dopings nicht nur medial präsent, sondern wird darüber hinaus zu einer immer üblicheren gesellschaftlichen Praxis. Präparate zur Behandlung der ‚Schlafkrankheit‘ (Modafinil) werden zur Überwindung von Antriebschwäche eingesetzt und Mittel zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen (Ritalin) zur Steigerung der Leistungsfähigkeit eingenommen. Trotz der zweifelhaften Wirkung wird versucht, Lebensqualität über Neuropharmaka zu erhöhen. Sollte es ein Mittel geben, das gute Leben mit Pillen zu erreichen? Oder sind die Pillen selbst ein Symptom? Für welche Veränderungen sind sie ein Symptom? In dem Beitrag werden die unterschiedlichen Formen des aktuellen und zukünftig anvisierten Neuro-Enhancements dargestellt und diskutiert, welche sozialen und politischen Fragen auftauchen und welche Fragen in Vergessenheit geraten. Was heißt es für die Gegenwart und für die Zukunft, wenn das gelingende Leben auf den richtigen Griff in die Pillenschachtel reduziert wird?

In der Diskussion um Neuro-Enhancements erscheinen Lebensqualität, Glück und Wohlbefinden als individuell herstellbarer Zustand des Gehirns. Die internationale Glücksforschung widmet sich dagegen den politischen und sozialen Rahmenbedingungen des individuellen Glücks. Für den ersten Weltglücksbericht der UNO haben Glücksforscher internationale Glücksumfragen ausgewertet. Glücklicher im statistischen Sinne sind Menschen in den Ländern, in denen die gesellschaftlichen Verhältnisse relativ egalitär sind,  in denen politische Freiheit gewährleistet ist, in denen die einzelnen in starke soziale Netzwerke eingebunden sind und in denen die Korruption gering ist. Wirtschaftswachstum macht Menschen nur begrenzt glücklicher (Helliwell et al. 2012).

Lebensqualität, Glück, subjektives Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit werden trotz konzeptioneller Unterschiede vielfach als Synonyme verwendet. Um Glück und Lebenszufriedenheit zu messen, werden zwei unterschiedliche Maßstäbe verwendet: Zum einen das Auf und Ab des täglichen Wohlbefindens und zum zweiten die übergreifende Einschätzung der Einzelnen in Bezug auf ihr Leben. Hier zeigen sich bereits Dilemmata: Das Glück des Moments und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben müssen nicht übereinstimmen. Mit guten Freunden lange Gespräche beim Kaffee zu führen und die Sonne im Park zu genießen, wann immer sie scheint, macht glücklich, kann aber auch im Widerspruch dazu stehen, langfristige Ziele zu erreichen, die einer kontinuierlichen Anstrengung bedürfen. Nun sind die Neuropharmaka, die dem Neuro-Enhancement dienen, gerade keine Drogen, die dem kurzfristigem Glücksrausch dienen, und die langfristige Zielerreichung konterkarieren, vielmehr sollen sie den Spagat zwischen beidem dienen. Wie und zu welchem Preis? Dienen sie dazu, das flüchtige Glück des Moments mit dem langfristigen Wohlbefinden eines gelingenden Lebens zu versöhnen? Oder unterminieren sie die Gestaltung der Lebensbedingungen, die es langfristig ermöglichen würden, die täglichen Momente des Glücks und ein gelingendes Leben als Eines zu leben?

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