„Die Welt aus der Sicht der Zukunft denken“. Interview am Samstag, 22.05.2021 „Die Presse“

Interview. Ein Blick ins Jahr 2050 verrät, worauf wir uns heute vorbereiten sollten. Innovationsforscherin Petra Schaper-Rinkel über Chancen und Risiken der Digitalisierung – und die Unersetzbarkeit des Vor-Ort-Seins in der Wissenschaft.

„Welt aus Perspektive der Zukunft denken“

von Alice Senarclens de Grancy

Die Presse: Sie haben in Ihrem Webinar beim Pfingstdialog dazu eingeladen, die schlimmste aller digitalen Welten zu skizzieren. Was wollten Sie damit zeigen?

Petra Schaper-Rinkel: Wenn wir Menschen nach der besten aller Welten fragen, sieht sie oft gleich aus: Wir leben in großen, grünen Städten mit jedem Komfort, der kein Material und keine Energie kostet. Das ist die gängige, aber unrealistische Zukunftsvorstellung. Wenn wir Menschen einladen, über die schlimmste aller Welten nachzudenken, kommen dagegen auch überraschende Sichtweisen.

Inwiefern?

Es wird sichtbar, wo mögliche Risiken liegen. Wir sind heute den Denkmodus des Positiv-Denkens gewohnt, doch wenn wir kreativ negativ denken, kommen wir auf Dinge, die wir sonst gerne ausklammern. Ein Beispiel sind Pandemien, für die sich die Politik über Jahrzehnte nicht besonders interessiert hat. Wir haben in Österreich und auch in Brüssel meist Szenarien mit fantastischen Zukunftstechnologien entwickelt. Unwahrscheinliche, mit hohem Risiko verbundene Negativszenarien –  wie eine Pandemie – wollte sich niemand genau anschauen.

Sie befassen sich in Ihrer Forschung damit, wie Zukunft einst und jetzt gemacht wird. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich spreche von Zukünften: Akteure sehen die Zukunft aus ihrem jeweiligen Fachgebiet und nur gemeinsam können wir die Vielfältigkeit der möglichen Zukünfte erkunden. Künstliche Intelligenz lässt sich zum Beispiel nur sinnvoll analysieren, wenn wir die Technologie in ihren unterschiedlichen Anwendungen von Alltagsanwendungen bis zu Wirtschaft und Politik zusammendenken.

Welchen Methoden nutzen Sie?

Wir nennen das Foresight (Vorausschau, Anm.). Das bedeutet, wir schauen uns mit allen Akteuren mögliche Technologien aus der Zukunft heraus an. Wenn wir einen fernen Zeithorizont wie das Jahr 2050 nehmen, dann haben wir keine unmittelbaren Interessen. Wenn ich Stakeholder aus Wissenschaft und Politik zusammenbringe, dann geht es um Wissen und darum, was langfristig für das Gemeinwohl wichtig ist. Das ermöglicht uns, die gesellschaftlichen Erfordernisse und Wünsche in den Mittelpunkt zu stellen und von dort aus zu analysieren: Wie lassen sich Technologien interdisziplinär durch die Wissenschaft, das Recht oder die Förderpolitik tatsächlich in diesem Sinn gestalten.

Ein Beispiel?

Wir haben heute keine öffentlichen digitalen Plattformen. Wenn wir uns vorstellen, wir hätten solche 2050: Welchen Anforderungen müssten sie genügen? Wie können sie Fairness und Innovationstätigkeit für alle ermöglichen? Das wäre Foresight. Dass wir heute von den finnischen Wäldern über die österreichischen Alpen bis zu den kanarischen Stränden digital handeln, kommunizieren, arbeiten können, ist kein Verdienst eines heutigen Internetkonzerns. Es ist letztlich das Werk hunderter Millionen Bürger, die seit mehr als 150 Jahren in Europa ihre Steuergelder, ihr Know-how, ihre Politik dafür eingesetzt haben, dass wir diese universalen Netze haben. Die vermeintlichen Internetriesen sind so betrachtet eigentlich Zwerge.

Wo sehen Sie Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Wissenschaft?

Chancen sehe ich darin, dass wir Digitalisierung gemeinsam gestalten. Es gibt die große Idee einer European Open Science Cloud. Aber das ist kein Cloudservice, wie wir ihn heute kennen, sondern nur die Idee, bestehende Systeme zu verbinden. Wir brauchen gemeinsame öffentliche Infrastrukturen für die Universitäten. Wir haben an der Uni Graz ein eigenes Videokonferenzsystem aufgebaut. Das ist fantastisch, aber wenn das jede Uni und jede öffentliche Einrichtung macht, ist das natürlich Ressourcenverschwendung.

Was bedeutet die Digitalisierung für das Hochschulmanagement?

Wir bauen an der Uni Graz etwa einen interdisziplinären, digitalen Hub (Knotenpunkt, Anm.) auf, wo wir Grundlagenforschung im Bereich von Modellierung, Simulation, Big Data und Machine Learning mit Grundlagenforschung beispielsweise im Recht und den Geistes- und Sozialwissenschaften verbinden. Es geht insbesondere um Fragen der Gestaltung digitaler Infrastrukturen: Wie werden sie demokratieförderlich? Es die Aufgabe einer Uni, sich nicht von technologischen Entwicklungen treiben zu lassen, sondern der Gesellschaft langfristige Impulse für Alternativen zu geben. Unis haben den Auftrag, die Welt aus der Zukunft zu denken und zu zeigen, dass es noch andere Wege gibt. Etwa, dass diese Jetzt-Mainstream-Digitalisierung ein Zwischenschritt ist: Es ist nicht die letzte Form der Digitalisierung, es wird ganz andere Möglichkeiten geben. Die heutigen Internetkonzerne sind alle doch sehr jung und wir wollen in Zukunft ja eine Vielfalt und eine Pluralität digitaler Technologien.

Braucht man bessere Regulatorien, um die Forschung zu schützen oder ist das ein zu starker Eingriff in deren Freiheit?

Wir haben mit der Datenschutzgrundverordnung starke Vorgaben. Sie machen es Innovatoren auf den ersten Blick schwerer, Innovationen zu entwickeln, aber dafür ermöglichen sie eine demokratieförderliche Digitalisierung. Regulierung kommt eher spät und wird als Einschränkung begriffen. In der Wissenschaft sind wir aber gewohnt, voranzugehen, Begeisterung für die Zukunft zu wecken. Parallel zur Regulierung braucht es also europäische Gestaltungsspielräume.

Ob Homeschooling oder Homeoffice: Durch Covid haben wir alle einen Digitalisierungsschub erlebt. Wie viel bleibt davon nach der Pandemie?

Vieles! Das Wichtigste ist, dass jetzt alle die Erfahrung der Digitalisierung gemacht haben. Es gibt nicht mehr das Spannungsverhältnis zwischen den Digital-Affinen und denen, die davon unberührt sind. Jetzt können alle als Bürger ganz anders darüber mitreden, was sie in Zukunft wollen. Außerdem haben wir das Miteinander in Präsenz wieder ungemein schätzen gelernt.

Was heißt das für die Unis?

Routinedinge lassen sich aus der Ferne erledigen. Für eine Uni ist Kreativität zentral: dass man nicht nur äußert, was man schon veröffentlicht hat, sondern auch unfertige Gedanken, das wirklich Neue, das noch unsicher ist. Neue Ideen teilen wir in der Wissenschaft mit anderen Menschen im direkten Miteinander und dafür brauchen wir das gemeinsame Vor-Ort-Sein. Was Wissenschaft ausmacht – die Begeisterung, das Neue, das Unsichere, das, wovon ich noch nicht weiß ob es eine Sackgasse ist oder ein ganz besonderer neuer Weg –  können wir nur in einem Miteinander vor Ort entwickeln.

Zur Person

Petra Schaper-Rinkel (55) ist Politikwissenschaftlerin und Innovationsforscherin. Seit 2019 ist sie Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung des digitalen Wandels und Vizerektorin für Digitalisierung an der Universität Graz. Zuvor war sie zehn Jahre lang am AIT- Austrian Institute of Technology im Bereich Foresight tätig.