Nano-Visionen und Nano-Science-Fiction in der Governance der Nanotechnologie (Vortrag, Darmstadt, 11. November 2006) Vortrag auf dem Workshop "Elemente der Wissensproduktion: Medialitäten von Visionen, Narrativen und Bildern der Nanotechnologie"

Vortrag auf dem  Workshop „Elemente der Wissensproduktion: Medialitäten von Visionen, Narrativen und Bildern der Nanotechnologie“, Technische Universität Darmstadt, 9.-10. November 2006, Residenzschloss

Nano-Visionen und Nano-Science-Fiction verdichten und dramatisieren heterogene technische Möglichkeiten zu gesellschaftlichen Entwicklungsoptionen. Nano-Forscher stellen die Möglichkeiten der Technologie in Form von umfassenden gesellschaftlichen Visionen vor (Drexler 1987; Drexler/Peterson et al. 1991a), Science-Fiction-Autoren entwerfen fiktionale Nanowelten der Zukunft (Stephenson 1996) oder aber Horrorszenarien einer umfassenden Bedrohung der Welt durch selbstreplizierende Nanoroboter (Crichton 2002). In den fiktionalen Nanowelten sind technische und gesellschaftliche Dynamik in jeweils spezifischer Weise verknüpft.

Staatliche Akteure (z.B. Forschungsministerien) nutzen Zukunftsszenarien und populäre Darstellungen, um die Innovationspotentiale der Nanotechnologie einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Doch welchen Status haben Visionen, Szenarien und Science-Fiction in der staatlichen Nanotechnologiepolitik? Im Rahmen der neuen Formen des Regierens, die gemeinhin unter den Begriff der Governance gefasst werden, fungieren Visionen, Szenarien und Science-Fiction als Modus, die Möglichkeiten und Grenzen sowie die Anforderung an Förderung und Regulierung des technologischen Feldes in einem breiten Kreis heterogener Akteure zu kommunizieren und zu verhandeln.[1]

Science-Fiction, populärwissenschaftliche Darstellungen von zukünftigen Nanotechnologien, Informationsmaterialien von Ministerien und Zukunftsszenarien von Unternehmen überschneiden sich teilweise bei der Darstellung möglicher industrieller und technischer Veränderungen, unterscheiden sich aber auch deutlich im Hinblick auf die antizipierte Form und Reichweite zukünftiger gesellschaftlicher Veränderungen. Zugleich reflektieren sich populäre Darstellungen wechselseitig: Nano-Science-Fiction reflektiert die avanciertesten Szenarien von Nano-Wissenschaftlern (insbesondere die umstrittenen Vorstellungen von molekularer Nanotechnologie und selbstreplizierenden Nanobots, wie sie Drexler entwirft:Drexler 1987), wobei die gesellschaftlichen Veränderungen im Kontext der Technologieentwicklung dramatisiert werden. Öffentlich geförderte Nano-Ausstellungen und populärwissenschaftlichen Informationsmaterialien greifen Science-Fiction-Szenarien auf, um Grenzziehungen zwischen ‚Science’ und ‚Fiction’ zu etablieren. Im Kontext von Technikfolgenabschätzung werden Nano-Science-Fiction-Szenarien (TAB 2004: 145 ff) analysiert und auf ihre strategischen Implikationen hin untersucht. Wird die langfristige Zukunft der Nanotechnologie verhandelt, so wird nicht Technik von Übermorgen, sondern die Gesellschaft von Übermorgen verhandelt, Nano-Science-Fiction enthalten in Form von Narrationen Thesen zu genau dieser Frage.

Dabei zeigt sich ein höchst ambivalentes Verhältnis von staatlicher Technologiepolitik und Nano-Fiktionen. Diese werden im Kontext einer auf ökonomische und technologische Beschleunigung setzenden Technologiepolitik sowohl positiv als innovationsförderlich gesehen (erhöhen und verbreitern das Interesse an Nanotechnologie), aber auch mit Skepsis betrachtet (falls Horrorszenarien die Oberhand gewinnen und Nanotechnologie zu einer umstrittenen Technologie werden könnte). In dem Beitrag wird der Status von Nano-Visionen und Science-Fiction in der Governance der Nanotechnologie dargestellt.

 

 

 

[1] Die Governance der Nanotechnologie lässt sich einerseits als eine Herausbildung globaler Diskurse und Regulierungsprinzipien charakterisieren, so dass im Folgenden auf heterogene Entwicklungen in unterschiedlichen Ländern eingegangen wird. Da Nanotechnologie aber zugleich von nationalstaatlichen Regierungen umfassend forciert wird, sind nationalstaatliche Perspektiven von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die Ambivalenz der deutschen Technologiepolitik im Hinblick auf weitreichende Visionen ist daher nur begrenzt z.B. mit der amerikanischen zu vergleichen, da in den USA radikale Visionen und Science-Fiction-Szenarien stärker in Diskurs technologiepolitischer Akteure eingebunden sind. Ein Beispiel hierfür sind die programmatischen Papiere zu Converging Technologies (Roco/Bainbridge 2002; Roco/Montemagno 2004), die über weite Strecken an Konzepte von Transhumanisten und Extropianern (vgl. hierzu: Schaper-Rinkel 2003) erinnern, die im deutschen Diskurs technologiepolitischer Akteure letztlich als völlig indiskutabel gelten.

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